Der Neururer-Effekt verpufft
Grinsend mit einer Sonnenbrille auf der Nase fährt Peter Neururer auf seiner Harley-Davidson in die Garage. Natürlich trägt der Trainer dabei einen Helm, der seinen Schnorres betont. Kein Integralmodell, sondern eine Art Fahrrad-Helm mit Oberlippenbart-Durchlass. Neururer ist seit April 2013 wieder Coach beim VfL Bochum. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als habe seine bloße Aura ausgereicht, um den VfL in der Liga zu halten. Doch nun scheint der Effekt verpufft zu sein. Liegt es am Schnorres? Wir klären auf.
Fußball als Heilmittel
Er habe einfach zu viel Freizeit gehabt, sagte Neururer nach seinem Herzinfarkt im letzten Jahr. Es klingt fast wie ein Kind, dass zuviel antiautoritäre Erziehung „genossen“ hat und seine Eltern ständig fragt: „Muss ich heute schon wieder tun, was ich will?“. Doch die Apotheke Profi-Fußball hatte ein Einsehen und erhöhte Neururers Fußball-Dosis. Seine alte Liebe Bochum schwebte in akuter Abstiegsgefahr. Als der Anruf aus Bochum kam, verging keine Sekunde und Neururer erlebte eine Blitzheilung: „Für mich war es keine Frage, dass ich dem VfL helfe, wenn er mich braucht. Ich bin fitter denn je.“ Und es geschah das Wunder von Bochum. Neururer kam, sah und siegte. Die gleichen Spieler, die vorher der dritten Liga entgegen taumelten, entdecken neue Stärken und spielten wie im Rausch. Vier der letzten sechs Saisonspiele wurden in der Rückrunde 2012/13 gewonnen und der VfL blieb in der zweiten Liga.
Neururer ist ein Original, sagt immer seine Meinung und sieht schon seit gefühlten 50 Jahren aus wie heute. Vielleicht hat er auch den Oberlippenbart erfunden und ihn perfektioniert. Er ist jedenfalls sein Markenzeichen. Vielleicht wäre sein Leben am 9. Juni 2012 aber auch abrupt zu Ende gewesen. An diesem Tag erlitt Peter Neururer beim Golfen einen Herzinfarkt. Erst die Herzmassage eines Freundes rettete ihm das Leben. Der Infarkt ging glimpflich aus und Neururer ist wieder fit. Wahrscheinlich auch wegen einer Medizin, die er viel zu lange nicht genommen hatte: Fußball. „Mein Job macht mir Spaß! Stress habe ich nur in der Freizeit“, sagt Neururer.
Noch vor seinem Engagement beim VfL Bochum merkte man dem Schnurrbartträger an, wie sehr ihm der Fußball fehlte. Etwa durch Auftritte im Mobilat-Fantalk, wo er Sprüche am Bart vorbei schmetterte und zu vielen Dingen eine Meinung hatte. „Es gibt auch gute Stürmer, die keine Tore schießen“, frotzelte er beispielsweise in eben genannter Sendung. Ob er damit Richard Sukuta-Pasu meinte, ist nicht überliefert. Der Komiker und selbsternannte Hassprediger Serdar Somuncu musste sich im Fantalk ebenfalls etwas anthören: „Von der Geschichte des Fußballs hast du auch keine Ahnung“, raunte er den verdutzten Hassprediger an. Neururer war nach seiner Rückkehr nach Bochum fast schon das Pendant zur aufkeimenden neuen Trainerszene um Tuchel, Lieberknecht oder Klopp. Kann er’s noch? Sind die Methoden nicht überaltert? Peter Neururer sieht es so: „Wenn ich erfolgreich bin, spricht man vom Motivationskünstler. Bleiben die Siege aus bin ich der Sprücheklopfer. Wie meine Arbeit konkret mit der Mannschaft aussieht, wissen nur die wenigsten. Ein Urteil gibt es trotzdem.“
Momentan wieder Sprücheklopfer
Schaut man sich die derzeitige Situation in Bochum an, ist Neururer wieder zum Sprücheklopfer geworden. Bochum befindet sich im freien Fall und hat die letzten fünf Pflichtspiele verloren. Eine miese Bilanz, die den einstigen Heilsbringer vermehrt unter Druck setzt. Die Magie der neururerischen Motivation ist verpufft. Kritiker sehen sich nun bestätigt und beschreiben den VfL-Coach weiterhin als „Feuerwehrmann“, der einer Mannschaft nur kurzfristig zu Erfolg verhelfen könne. Aber Neururer ist nicht nur Sprücheklopfer und Motivationskünstler, sondern auch Realist, wie er im Interview mit dem Eckball-Magazin verdeutlicht: „Als Trainer ist man brutal abhängig von Ergebnissen und nicht von seiner Arbeit. Da sollte man sich keinen Illusionen hingeben.“ Und nun ist der VfL Bochum trotz Neururer auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Der Abgang von Leon Goretzka zum FC Schalke 04 wiegt schwer und der Umbruch, den Peter Neururer mit in Angriff genommen hat, gerät derzeit ins Stocken. Es ist eine entscheidende Phase, in der Neururer sein Image als „Feuerwehrmann“ ablegen könnte. Eine durchschnittliche Amtszeit von etwa einem Jahr bei seinen Trainerstationen zeugt nicht gerade von Konstanz.
Gegen den 1. FC Kaiserslautern muss gewonnen werden, wenn Neururer wieder zum Motivationskünstler werden und vor allem Trainer in Bochum bleiben will. Gelingt dies nicht, greifen früher oder später die Mechanismen des Fußballgeschäfts und Neururer dürfte sich wieder mit (zu) viel Freizeit anfreunden. Da wir aber für die Gesundheit des Coaches nur das Beste wollen, hofft die FCK-Blog-Redaktion auf einen Sieg des FCK, eine ruhige Hand des VfL-Vorstands und dass Traineroriginale wie Peter Neururer weiter im Profi-Fußball auftreten dürfen.
Bildquelle: vfl-pa.blogspot.de
Ein Gedanke zu „Der Trainer des FCK-Gegners VfL Bochum im Blick: Peter Neururer“